„Der Weg ist das Ziel“ ist unser Motto für die Reise zum Dach der Welt – nach Tibet. Deshalb nehmen Florian, Niklas und ich den Zug ab Shanghai. Vor uns liegen 4.370 Kilometer und 48 Stunden Zugfahrt bis nach Lhasa. Wir passieren 15 Städte und fahren über den Tanggula-Pass auf über 5.000 Meter Höhe. Unser Ziel ist das autonome chinesische Gebiet Tibet, das auf der gleichnamigen Hochebene auf der Nordseite des Himalaya-Gebirges liegt.
Wir steigen also ein – und putzen erst einmal die Fenster! Das wird zwar erst für den zweiten Streckenabschnitt empfohlen, um einen freien Blick auf die Tibet-Antilopen zu haben, aber sicher ist sicher. Wer weiß, was es sonst noch zu sehen gibt. Unser Viererschlafabteil hat eine gemütliche Wohnwagen-Atmosphäre. Auch die maximale Unordnung, die sich auf so engem Raum sofort einstellt, erinnert mich an vergangene Campingurlaube.




Die Laowais (Westler) dürfen nicht verloren gehen
„Don’t lock the compartment door from the inside!“, werden wir von den Zugbegleitern angewiesen. Schnell wird klar: Sie wollen sich in den nächsten Tagen ganz besonders gut um uns kümmern. Ausführlich erklären sie uns, wie ein Lichtschalter funktioniert, man sicher aufs Stockbett klettert und wo der Mülleimer ist. Später folgen medizinische Ratschläge und wichtige Anweisungen wie: „Don’t wear the disposable slippers when you leave the train“. Warum? Die „Zug-Hausschuhe“, die für den Fahrgast bereitstehen, soll man nicht tragen, wenn man aus dem Zug steigt. Vermutlich damit man nicht stolpert. Ist dieser Hinweis wirklich nötig? Ja, unbedingt! Bei den Zwischenstopps steigen einige Mitreisende in ihren Plüsch-Schlappen und Schlafanzügen aus, um sich am Bahnsteig mit Snacks zu versorgen. Nur die Laowais dürfen sich nicht weiter als zwei Meter von der Zugbegleiterin entfernen, sie könnten ja verloren gehen.


Hat Joseph Kenji den Zug verpasst?
Zudem werden wir immer wieder nach unserem vierten Mitreisenden namens Haruvi Umekubo Joseph Kenji gefragt – den hat unsere Reiseagentur als Phantom dazugebucht, um das vierte Bett im Abteil für uns zu reservieren. Sein Fehlen hat vorerst zur Folge, dass wir nichts auf sein Bett stellen dürfen, Joseph Kenji könnte ja später noch zusteigen. (Folgt er uns etwa mit dem Auto über die tibetische Hochebene?)
Auf dem zweiten Streckenabschnitt, irgendwo zwischen 3.000 und 4.000 Metern, kommt sie ganz plötzlich: die Höhenübelkeit. Niklas übergibt sich mehrmals. Flo und ich haben Kopfschmerzen. Sofort ist das Zugpersonal zur Stelle. Wir werden an die abteileigene Sauerstoffzufuhr angeschlossen. Während wir wie Junkies an den Schläuchen hängen, herrscht im Bordrestaurant ausgelassene Stimmung: Hier begrüßt das Bordpersonal das neue Jahr mit einem Festessen, mit Vorträgen und Musik.
Ort der Götter: Lhasa
Lhasa liegt auf 3.650 Metern, ist die Hauptstadt Tibets und das spirituelle Zentrum des tibetischen Buddhismus. Die Bevölkerung ist multiethnisch – hauptsächlich Tibeter, aber es gibt auch eine große Anzahl an Han-Chinesen. Zudem lebt hier eine kleine muslimische Minderheit, die Nachkommen muslimischer Händler. Neben dem Buddhismus gibt es noch die sogenannte Bön-Religion, die älteste, indigene spirituelle Tradition Tibets, die schon vor dem Buddhismus existierte.
Hotelbett mit Sauerstoff-Anschluss und Yak zum Frühstück
Wir checken im Hotel in Lhasa ein. Jedes Hotel-Bett verfügt natürlich über einen Anschluss für eine individuelle Sauerstoffversorgung. Zum Frühstück können wir getrocknetes Yakfleisch probieren und Florian isst jeden Morgen Tsampa, das traditionelle Grundnahrungsmittel Tibets: geröstetes Gerstenmehl. Für die Hotelgäste wird es hier mit Buttertee gemischt und zu kleinen Knödeln geformt.





1.700 Klöster
Über 1.700 buddhistische Klöster gibt es in Tibet. Wir werden uns davon nur einige wenige anschauen, aber Niklas ist jetzt schon genervt. Sein Tempel-Credo „Kennste einen, kennste alle“ versuchen wir zu ignorieren und summen ein meditatives „Oooohm“. Lustlosigkeit gehört gerade zu seinem Programm. Hoffentlich vergeht sie bald.
An diesen Feiertagen, an denen das tibetische Neujahr beginnt, sind Tausende Gläubige in den Klöstern Drepung, Sera, im Potala-Palast und dem Jokhang-Tempel unterwegs. Unter ihnen viele alte Leute – Männer und Frauen mit Gehstöcken und Klappstühlen auf dem Rücken, die mit Hilfe ihrer Verwandten die steilen Holzstiegen teilweise auf allen vieren hinaufklettern. Mütter tragen ihre Babies in bunten, tibetischen Wickeltüchern vor sich her, Kinder beäugen uns neugierig und rufen „Helloooo, Happy New Year!“




Die Versammlungshallen der Klöster sind zwar schlicht eingerichtet, aber sie wirken aufgrund der dunklen Holzsäulen und der langen Sitzreihen mit roten Kissen monumental. Zahlreiche große Buddhas thronen in den weitläufigen Hallen und in den engen Gängen, überall hängen bunte auf Stoff gemalte Rollbilder, sogenannte Thangkas, von der Decke. Das Licht ist gedämpft, die Geräusche gedrosselt, die Atmosphäre andächtig. Viele Gläubige summen Gebete und Mantras, lehnen ihre Köpfe gegen das Schutzglas der Statuen und stecken Geldscheine an die Scheiben. Sie gießen flüssige Yak-Butter aus mitgebrachten Thermoskannen in Kerzenwannen und werfen unter Segenswünschen Gerste in die Luft. In einigen Nischen sitzen meditierende und betende Mönche, die sich durch die Menschenströme nicht aus der Ruhe bringen lassen. Andere Mönche haben automatische Geldscheinzähler, um sich um die monetären Gaben zu kümmern, die unter anderem dem Erhalt der Klöster zugutekommen.
Über das Fotoverbot in den Innenräumen der Klöster ärgere ich mich zuerst, wie gerne hätte ich diese Eindrücke festgehalten. Aber die Vorteile des Verbots sind auch schnell klar: Die Atmosphäre wird nicht vom üblichen Selfie-Wahnsinn zerstört und der Menschenstau in den engen Gängen reduziert.












Unsere Reisegruppe
Bei den gemeinsamen Besichtigungen und Mahlzeiten kommen wir mit unseren Mitreisenden ins Gespräch. Unsere Reisegruppe besteht aus drei Amerikanern, zwei Slowaken, einem Argentinier, einem Engländer, einem Japaner und einer Chinesin. Wir erfahren, woher sie kommen und wohin sie möchten, wie sie in ihrer Heimat leben und warum sie diese Reise angetreten haben. Wir lachen, essen und „philosophieren“. Mitglieder einer zufällig zusammengewürfelten Reisegruppe müssen sich immer erst einmal aufeinander einstellen, aber ich finde, wir haben Glück gehabt mit unseren Weggefährten.
Tibetdoggen und ein heiliger See
Am vierten Tag fahren wir mit dem Bus von Lhasa nach Shigatse, der zweitgrößten Stadt Tibets. Dabei überqueren wir den Gyatso-La-Pass auf 5.220 Metern. Die meisten greifen zu den Sauerstoffflaschen im Bus, Florian zusätzlich zu Schmerzmitteln – sein Bandscheibenvorfall, den er sich von vor einigen Wochen zugezogen hat, verzeiht ihm die holprige Strecke nicht.
Auf dem Weg kann man sich mit tibetischen Mastiffs fotografieren lassen, natürlich eine reine Touristenattraktion, die aber eine einmalige Gelegenheit für ein Foto bietet. Denn den bis zu 66 Zentimeter großen und bis zu 78 Kilogramm schweren Hütehunden sollte man sich sonst auf keinen Fall nähern. Mastiffs wurden seit jeher darauf trainiert, gefährliche Raubtiere anzugreifen, um sie von den Viehherden und Klöstern fernzuhalten.




Anschließend halten wir am heiligen Yandrock-See, wo sich Touristen auf bunt geschmückte Yaks setzen und sich fotografieren lassen können. Vor der grellen Sonne erstreckt sich ein Teppich aus unzähligen kleinen Steinpyramiden. Weiter geht es zum Karola-Gletscher, einem der drei großen kontinentalen Gletscher Tibets, der sich direkt oberhalb der Hauptstraße auf 5.560 Metern befindet.






Yak-Fleisch und -Buttermilch
Das Mittagessen bekommen wir bei einer tibetischen Familie, die uns zugleich einen Einblick in ihr privates Zuhause gewährt. Im Hof trocknet der Yak-Dung zum Heizen und Kochen, Ziegen und Kühe laufen frei im Hof herum. Es gibt getrocknetes Yak-Fleisch, salzige Yak-Buttermilch und Gerstenbier und dann stimmt die Familie ein Lied an, das uns zu Tränen rührt. Niklas freut sich über die schmackhaften Kartoffeln und die Cola. Man ist hier auf Touristen eingestellt. Die Familie besitzt auch einen privaten Gebetsraum mit Hausaltar für die täglichen Rituale, den wir besichtigen dürfen.







Erinnerungen im Gepäck
Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen von unseren Mitreisenden, deren Weg sie weiter zum Mount Everest Base Camp führt. Der höchste Berg der Welt ist zum Greifen nah – und natürlich verspürte ich später beim Anblick ihrer Everest-Fotos in unserer Chat-Gruppe einen kleinen Stich Neid. Doch am Ende dieser Reise nehmen wir eine kostbare buddhistische Weisheit mit: die Dankbarkeit. Sie zeigt, wie innerer Frieden entsteht, wenn wir den Blick vom Mangel auf das Vorhandene richten. Für unsere Reise heißt das: Wir freuen uns über das, was wir erleben durften – und das ist eine ganze Menge! Eine raue Landschaft aus Hochsteppe, schneebedeckten Sechstausendern und Gebirgsseen. Yak-Herden, Ziegen, Mastiffs und Wildesel. Und zwei Nächte in einem gemütlichen Zugabteil, um diese Naturwunder auf uns wirken zu lassen. Wir haben neue Bekanntschaften aus aller Welt geschlossen. Aber was uns aber am meisten berührt hat, ist die tiefe Gläubigkeit der Menschen – sichtbar in großen Ritualen und kleinen, alltäglichen Gesten sowie ihr offenes Interesse an uns und ihre Herzlichkeit. All diese Eindrücke und Erlebnisse machen diese sieben Tage in Tibet für uns unvergesslich.